Herba Podcast

DAS E-REZEPT

In einer neuen Folge des Herba Podcasts sprechen wir mit DI Gerhard Löw von der Sanodat. Er erzählt uns von den Herausforderungen während der Pandemie, gibt einen Ausblick in die Zukunft des Themas E-Health und erläutert vor allem, was das „neue“ E-Rezept mit sich bringt.

DI Gerhard Löw studierte Informatik an der TU Wien und schrieb seine Diplomarbeit über Lernsysteme mit künstlicher Intelligenz. Er war sieben Jahre als Software-Entwickler und sechs Jahre bei einem Schweizer Industriekonzern als IT- und Organisationsverantwortlicher tätig, ehe er nach einem kurzen Intermezzo im kommunalen Bereich der Wiener Versorgungswirtschaft zur Herba Chemosan wechselte. Dort lenkt er seit 2002 die Geschicke der Sanodat.

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Das E-Rezept ist durch die Pandemie früher umgesetzt worden als geplant und startete am 13.03.2020 als Pilotprojekt. Nun ist bereits über ein Jahr vergangen, das „neue“ E-Rezept (das nun allen Voraussetzungen entspricht) kommt jetzt im Juni 2021. Können Sie für uns das vergangene Jahr Revue passieren lassen? Was waren die Herausforderungen?

Der Start war eigentlich schon recht kennzeichnend für das, was noch kommen wird. Am Freitag, den 13. wohlgemerkt, ist die Regierung vor der Presse gestanden und hat den ersten Lockdown kundgetan und an diesem Abend haben die Apothekensoftware-Häuser erfahren, was am Dienstag, den 17. März umzusetzen wäre. Da war ein bisschen das Chaos für den Start vorprogrammiert. Diese Kurzfristigkeit der Änderungen war bei allen Themen, wie z. B. Mehrwertsteuer, Änderungen für Testungen, für Literatur, Testungen in den Apotheken oder die Abgabe von Selbsttestkits, die wir ja seit März auch für die Apotheken abwickeln, zu spüren. All diese Dinge wurden dann üblicherweise an einem Freitagnachmittag kommuniziert, so dass sie am darauffolgenden Montag in der Früh funktionieren sollten. 

Man muss das Ganze aber mit Humor nehmen. Es war von allen beteiligten Personen niemals eine böse Absicht dahinter – alle Partner im Gesundheitswesen haben ihr Bestes gegeben. Hier und da waren der eine oder andere mit der Kurzfristigkeit der Maßnahmen überfordert. 

Beschäftigt haben wir uns in den letzten zwölf Monaten tatsächlich mit der Weiterleitung der elektronischen Verordnungen in die elektronische Gesundheitsakte (was heute fälschlicherweise als E-Rezept bezeichnet wird). Die Steueränderungen oder die Tests für Bücher waren besonders spannend, weil die Bücher da plötzlich einen fünften Mehrwertsteuersatz in Österreich eingeführt hätten. Sowas gibt es in der EU nicht, es wurde festgelegt es gibt nicht mehr als vier Mehrwertsteuersätze pro Land – und das war dann in der Software auch nicht so leicht zu realisieren. Da hat uns dann die Finanz letztendlich geholfen, eine pragmatische Lösung zu finden. Jetzt im Frühjahr kümmern wir uns um die Covid-Selbsttestkits und Covid-Testungen und daneben natürlich um die Entwicklung des „echten“ E-Rezepts, dass so wie Sie sagen, im Herbst dieses Jahrs zum Laufen kommen soll. 

Ich glaube, die größte Herausforderung war trotzdem das Kommunikationsthema, und zwar nicht nur in unsere Richtung. Da waren wir in einem permanenten Dilemma. Die meisten Mails an unsere Kund*innen wurden von mir verfasst und versandt, doch egal was wir kommuniziert haben, es war immer gleichzeitig zu wenig oder zu viel. 

Ein spannendes Jahr mit viel Veränderungen und Herausforderungen für die Apotheke. Die Umsetzung wird im September abgeschlossen sein. Was bedeutet das nun für die Apotheken? Was verändert sich?

Derzeit können die Apotheken allein unter Angabe der SV-Nummer einer/eines Patient*in auf Verordnungen, die über die ELGA übertragen werden, zugreifen. Das wird mit Jahresende 2021, aus heutiger Sicht, enden – so ist es im Gesundheitstelematikgesetz festgeschrieben. D. h. wir kehren dahin zurück, dass die Patient*in entweder ihre/seine E-Card mithaben muss oder, auch wenn es sich um das E-Rezept handelt, weiterhin ein Papierrezept bei sich haben muss – auf dem ein Quadratmatrix-Code (QR-Code) drauf ist, der als Schlüssel für den Zugriff auf das System dient. Oder, und das wird neu sein, es wird auch eine Handy-App geben, auf der man das E-Rezept mit sich tragen kann. Es ist natürlich in Wahrheit im Gesundheitsnetzwerk gespeichert aber auch am Handy wird ein QR-Code verfügbar sein.

Die Apotheke selbst wird keine Rezepte mehr drucken. Wird sich aber dafür eine sogenannte Pick-Liste ausdrucken. Bis jetzt wurde das über Papierrezepte abgewickelt und dieser Prozess wird künftig mit den sogenannten Pick-Listen laufen. Zusätzlich planen wir eine elektronische Pick-Liste, wo ein/e Mitarbeiter*in der Apotheke ein Handy in der Hand hält und da die Information der Produkte erhält.

Ich glaube die größte Erleichterung und die größte Ersparnis für die Apotheke wird sein, dass die Rezeptabrechnung zu 80-90 % auf Knopfdruck funktionieren wird. Momentan ist in größeren Apotheken eine Arbeitskraft, zumindest halbtags, mit der Rezeptabrechnung beschäftigt und das wird sich vom Aufwand schon dramatisch reduzieren, eine deutliche Erleichterung und eine Qualitätssteigerung im Abrechnungsprozess bringen. Wir werden den Prozess so anbieten, dass die Apotheke, bevor sie die Medikamentenpackung abgibt, gegenscannt. Damit haben wir eine qualitätssichernde Maßnahme, dass nicht nur das richtige Arzneimittel, sondern auch die richtige Packungsgröße und die richtige Stärke des Arzneimittels ausgewählt wurde. Denn da kommt es gelegentlich zu Abgabefehlern und das werden wir durch das E-Rezept weitgehend ausschließen können. 

Ich fasse zusammen: Ein elektronischer Prozess, weniger Aufwand und Qualitätssicherung, das soll das E-Rezept bringen. Welche Rolle spielt ELGA bei der Umsetzung des E-Rezepts? Was ist ELGA? Wer hat Zugriff?

Man muss ELGA und E-Rezept ein bisschen auseinanderhalten. Das sind zwei unterschiedliche Gesundheitsdienste, beide stehen der Apotheke über das Gesundheitsnetzwerk zur Verfügung. ELGA ist aber eine Gesundheitsanwendung, die vom Bund betrieben wird. Hier geht es um eine zentrale Gesundheitsdokumentation der Patient*innen, währenddessen das E-Rezept eine kaufmännische Anwendung ist und dieses von den Sozialversicherungsträgern betrieben wird.

Es ist gesetzlich unterschiedlich geregelt. Grundlage für ELGA ist ein eigenes ELGA-Gesetz – das Gesundheitstelematikgesetz. Das E-Rezept wird durch das allgemeine Sozialversicherungsgesetz geregelt. 

Bei ELGA geht es um alles, das medizinisch und pharmazeutisch relevant ist und dokumentiert wird, damit Ärzt*innen und Apotheker*innen die richtigen Schlussfolgerungen aus dieser Akte ziehen können um die Patient*innen bestmöglich bedienen zu können. 

Beim E-Rezept geht es darum, den Prozess von der Verordnung beim Arzt bis zur Abgabe in der Apotheke, bis hin zur Abrechnung der Apotheke, kostensparend, papierlos und effizient zu gestalten. 

ELGA wird bei der Abwicklung des E-Rezepts keine wesentliche Rolle spielen. Wenn man z. B. eine E-Card eines/einer Patient*in einliest, bekommt man sowohl Informationen zum E-Rezept als auch zu ELGA. Wir werden das natürlich für Pharmazeut*innen in einem darstellen – das sind ja in der Regel sehr deckungsgleiche Informationen. 

Um ein einfaches Beispiel zu geben: Die Antibabypille ist rezeptpflichtig, die gehört in die elektronische Gesundheitsakte, weil sie wechselwirkungsrelevant ist. Sie hat aber im E-Rezept überhaupt nichts verloren, weil die Krankenkassa sie nicht zahlt.

Umgekehrt gibt es im E-Rezept die Möglichkeit, dass man den Versicherungsstatus der Patient*innen prüfen kann, d. h. man schaut sich den Zeitpunkt, an dem das Rezept verordnet wurde, an und prüft, ob da eine Versicherung gegeben war, bei welchen Sozialversicherungsträger und ob eine Rezeptgebührenbefreiung vorliegt. Solche Fragen kann man im Rahmen des E-Rezepts an das Versicherungssystem richten, das hat aber mit ELGA nichts zu tun. Mit ELGA wurde bis dato ein „E-Rezept“ simuliert.

Das E-Rezept ist also eher für Apotheken von Vorteil und ELGA speichert die Daten der Endkund*innen. Welche Bedeutung hat das E-Rezept für die Endkund*innen? Vorteile? Datensicherheit?

Man könnte jetzt darüber philosophieren, ob es für die Patient*innen ein großer Vorteil ist, dass sie das E-Rezept nicht unbedingt bei der Ärztin abholen müssen, sondern dass man es einfach elektronisch verordnen kann und es genügt, wenn sie in die Apotheke gehen. Ich glaube, der Hauptvorteil für die Patient*innen liegt darin, dass die kaufmännischen Prozesse der Sozialversicherungsträger dramatisch optimiert werden. Das hilft den Krankenkassen Geld zu sparen und dieses Geld sollte wieder in Form von verbesserten Gesundheitsdienstleistungen zu den Patient*innen zurückfließen, denn das Geld fließt im Moment in Verwaltungsprozesse.

Ein zweiter Punkt, der für sozial schwache Patient*innen auch sehr wesentlich ist, ist das Thema Rezeptgebührenbefreiung. Man kann ja im Laufe des Jahres, wenn man 1 % des Nettoeinkommens für Rezeptgebühren ausgegeben hat, eine Gebührenbefreiung verlangen. Bis jetzt konnte man diese Gebührenbefreiung jedoch stets nur zum Monatswechsel erlangen, nämlich dann, wenn die Apotheken ihre Rezeptabrechnung machen und damit die SV-Träger wieder die aktuellen Informationen dieses Monats erhalten. Das wird in Zukunft täglich möglich sein, weil die Apotheke tagtäglich die eingehobenen Rezeptgebühren an die Sozialversicherungsträger weitermeldet.

Was die Datensicherheit betrifft; eine 100-prozentige Sicherheit rund um IT wird es nie geben, aber aus den Erfahrungen der letzten Jahre, muss man schon sagen, dass die SVC – die Tochter der österreichischen Sozialversicherungsträger, sehr sehr gute Arbeit leisten. Das Netzwerk ist seit Einführung der E-Card, also bereits seit 20 Jahren in Betrieb und bis heute ist kein einziges Leck aufgetreten. Das ist schon ein System, dass mit großer Sorgfalt betrieben wird.

Das gibt Sicherheit! Es wird einfacher und täglich rückgemeldet. Wie funktioniert die Verarbeitung des E-Rezepts? Welchen Vorteil haben Sanodat-Kund*innen?

Wenn wir uns den Ablauf des E-Rezepts anschauen, der Arzt/die Ärztin verschreibt das papierlos. Der Arzt/die Ärztin hat auch die Möglichkeit, sogenannte Blanko-E-Rezepte im Vorfeld zu erstellen. Das sind E-Rezepte, die auch schon registriert sind beim Sozialversicherungsträger, wo aber zumindest noch nicht drauf steht welche Arzneimittel verordnet werden, unter Umständen nicht einmal der/die Patient*in draufsteht. Das braucht man beispielsweise, wenn man Hausbesuche macht und noch nicht weiß, welches Medikament benötigt wird. In dem Fall druckt man ein Papierrezept aus und das ist schon als E-Rezept mit QR-Code gekennzeichnet. Das heißt, hier wird das E-Rezept erst bei der Abgabe in der Apotheke vervollständigt. Wenn ein Blanko E-Rezept ohne Patient*in ausgefüllt wird, dann muss die Apotheke den Versicherungsanspruch des/der Patient*in prüfen. Also werden hier Aufgaben, die klassischerweise bei Ärzt*innen liegen, teilweise auch in Richtung der Apotheke übertragen. 

Für die Apotheke (in der Ablage) wird sich in erster Linie ändern, dass sie im Normalfall kein Papierrezept in der Hand halten und hier in einer Pickliste arbeiten müssen oder sich die Arzneimittel auswendig merken, die sie aus der Lade holen müssen. Der große Vorteil ist, dass der Abrechnungsprozess mehr oder weniger ein singulärer Knopfdruck wird. Die letzten Jahre haben uns schon gezeigt, wenn es um Optimierung der Abläufe und Prozesse in der Offizin gegangen ist, dass da die Sanodat ein bisschen die Nase vorne gehabt hat. Das Versprechen gebe ich an unsere Kund*innen ab, dass wir es auch dieses Mal wieder so handhaben werden.

Sie haben bereits eine App erwähnt, die es für österreichische Patient*innen geben soll, mit der man Zugriff aus das E-Rezept hat. In Deutschland gibt es eine Patienten-App, die mit der Einführung des E-Rezepts online ging. Worum handelt es sich dabei und ist das das gleiche, dass für österreichische Patient*innen auch angedacht ist?

Das kann ich gar nicht allgemeingültig beantworten, weil der deutsche Gesundheitsmarkt mit dem österreichischen Gesundheitsmarkt in diesem Bereich überhaupt nicht vergleichbar ist. Das E-Rezept ist in Österreich hoheitlich organisiert. Es liegt in den Händen der Sozialversicherungsträger, die in einem Dachverband organisiert sind. Es ist durch ein Gesetz geregelt. Es wird aus einer Hand umgesetzt. Währenddessen in Deutschland mehrere privatwirtschaftliche Initiativen bestehen zur Umsetzung des E-Rezepts, d. h. es wird in Deutschland, so der heutige Stand, nicht ein einheitliches E-Rezept geben. Es wird verschiedene Systeme geben und es wird vermutlich für die deutschen Bundesbürger*innen davon abhängen, bei welcher Krankenkassa sie versichert sind und bei welchem E-Rezept-System sie mitmachen müssen und da entstehen sehr uneinheitliche Lösungen. Die Handy-App wird es auch in Österreich geben und sie wird, aus heutiger Sicht, einzig und allein die Aufgabe haben, dass man sich eine Verordnung (vom Arzt/von der Ärztin) downloaden kann, man hat einen QR-Code und diesen kann man in der Apotheke zeigen. Man kann den Code vom Handy direkt einscannen und schon ist das E-Rezept in der Apotheke geladen. Möglicherweise wird die deutsche App noch andere Möglichkeiten und Funktionen beinhalten und das ist zumindest in Österreich, zum heutigen Tag, nicht angedacht.

Als abschließende Frage: Wie sehen Sie die Zukunft in Richtung E-Health?

Entscheidend! Ich sehe die Zukunft mit E-Health wirklich entscheidend, und zwar entscheidend über Erfolg oder Misserfolg unseres Gesundheitssystems. Damit meine ich jetzt nicht nur die Entstehung neuer Handy-Apps, die aufgrund irgendeiner unglaublichen naturwissenschaftlichen Erkenntnis über unseren Körper, neue Gesundheitsparameter interpretieren und uns entsprechend beraten könnten. Ich denke da viel profaner an die Digitalisierung des bestehenden Gesundheitssystems und an die Schlussfolgerungen, die aus dem dadurch entstehenden Datenmaterial gezogen werden können. Natürlich ist Datensicherheit hier ein riesengroßes Thema, aber schauen Sie sich nur unsere aktuelle Situation an, die Pandemie, in der wir uns befinden. Jetzt führen wir mit viel Druck den elektronischen Impfpass ein. Wenn wir den Erfolg unserer Impfungen und die Durchimpfungsrate messen und daraus Maßnahmen ableiten wollen, wie wir mit Lockdown, mit Gastronomie etc. weitermachen, dann könnten solche Daten über den elektronischen Impfpass gesammelt werden. Auch wenn wir den wissenschaftlichen Erfolg messen wollen, alles das ist ohne solche Daten ja überhaupt nicht möglich. Auch in Zukunft, wenn es darum geht zu bewerten: Wie ist das Maß an Risiko in Österreich? – auch hier ist der elektronische Impfpass ein wahnsinnig wertvolles Instrument. Und das ist nur ein Beispiel, es gibt zig andere z. B. in der Herzinfarktforschung und der Krebsforschung. Man kann hier so viele Daten gewinnen. Selbst das Datenschutzgesetz spricht in diesem Zusammenhang immer davon, dass das Schutzinteresse des Einzelnen gegen das öffentliche Interesse abzuwägen ist. Wir wollen alle ein funktionierendes Gesundheitssystem, dass uns gute Leistungen erbringt. Ich denke dieses Interesse tragen alle Österreicher*innen mit.