Betriebsdirektor Heiko Thurner im Portrait

Erdig und bodenständig

In einer hochkomplexen Welt braucht es individuelle Lösungen, und auf die setzt Mag. (FH) Heiko Thurner. Mit Herba Impulse sprach der Betriebs- und Verkaufsdirektor von Herba Chemosan Linz über die Wichtigkeit von Kommunikation, die Freuden der Selbstoptimierung und was sein Vater niemals so wie er gemacht hätte.

Stichwort „Neue Arbeitswelt“: Wer denkt da nicht an futuristische offene Büros im Silicon Valley und selbstbestimmte Arbeitszeiten? Studien zeigen jedoch, dass Flexibilität keineswegs zu einer besseren Work-Life-Balance führt. Im Gegenteil – feste Arbeitszeiten schützen vor Überarbeitung.*zukunftsinstitut

„Menschen lieben Regelmäßigkeit“, sagt Thurner, der bei der Herba in Linz rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führt, „das darf man nicht unterschätzen.“ Außerdem komme es natürlich auf das Geschäftsfeld an, in dem man tätig sei. „Unsere Kunden können sich auf fixe Ruf- und Zustellzeiten verlassen – Gleitzeit hat in unserem Betrieb keinen Platz.“ Ein großer Teil der Mitarbeiter arbeitet im Schichtbetrieb – ohne Nachtschicht wohlgemerkt – und freut sich darüber, entweder schon um 16 Uhr heimgehen zu können oder erst um 10 Uhr zu beginnen. Notwendige Flexibilität wird über Zeitausgleich abgedeckt, „das kommt sehr gut an. Es ist ein Geben und Nehmen.“ Denn Spitzen kommen vor und auch Samstagsdienste wollen besetzt werden. „Viele mögen das, sie schätzen die freie Zeit unter der Woche. Und fast alle bevorzugen Zeitausgleich gegenüber ausbezahlten  Überstunden – da geht die Lebensqualität vor.“ Auf das Thema Corporate Health angesprochen, meint Thurner, nicht alles, was in den Medien als Trend kolportiert werde, passe auch in jedes Unternehmen. Als er vor einiger Zeit die Möglichkeit zu Massagen im Betrieb und ein wöchentlich angesetztes abendliches Rückentraining einführte, wurde das Angebot nicht so gut angenommen wie erwartet.

„Es war der Versuch, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden – die Belastung des Rückens ist schließlich Thema sowohl für Bürokräfte als auch Lagermitarbeiter“, erzählt der Betriebsleiter. Gesundheit sei aber eben ein so individuelles Thema, dass man es betrieblich kaum abbilden könne. Ein Mitarbeiter habe gemeint, er gehe sowieso ins Fitness-Center, ein anderer in seinen Yoga-Kurs. „Wir sind ein modernes Unternehmen – wir entwickeln unsere Prozesse laufend weiter und erhöhen beständig unsere Qualitätsstandards. Aber wir sind auch bodenständig. Wenn ein Mitarbeiter am Abend lieber nach Hause geht und seine Ruhe hat, muss man das respektieren.“

Gegensätze verbinden

Der gebürtige Steirer war zunächst im Tourismus tätig und absolvierte berufsbegleitend ein FH-Wirtschaftsstudium. Als ihn die Liebe nach Oberösterreich verschlug, fand er bei der Herba eine spannende Aufgabe im Außendienst. Das war 2003. Vor sechs Jahren übernahm er die Leitung des Betriebs. Die Doppelrolle Verkaufs- und Betriebsleiter ist an den Regionalstandorten der Herba Programm. Da gebe es oft unterschiedliche Interessen, die fein austariert werden müssten, erklärt Thurner. „Die Entscheidung treffe letztlich ich – ich gewinne also immer“, meint er mit einem Augenzwinkern.

Er habe die Gesamtsicht wie kein anderer im Betrieb und das helfe ihm dabei, das Beste für das Unternehmen im Auge zu behalten. Wie aber ist der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit, Kostendruck und Kundenzufriedenheit zu schaffen? „Durch sehr individuelle Betrachtung und  Einzelfallentscheidungen“, sagt Thurner mit großer Überzeugung. „Ich kenne keine zwei Apotheken, die gleich sind. Herauszufinden, was genau diese Apotheke braucht, ist unsere Aufgabe.“

Um die Geschäftsführung übernehmen zu können, musste er die Großhandelskonzessionsprüfung machen – ein anstrengendes halbes Jahr. Der Aufwand hat sich aber gelohnt. „Früher war ich ‚nur‘ ein Händler, jetzt verstehe ich mein Produkt.“ Denn das Arzneimittel sei nun einmal ein sehr spezielles Gut. Da das auch die Belegschaft verstehen muss, nimmt Thurner sich viel Zeit für Kommunikation. Erklären, überzeugen – seit er den Betrieb führt, sei Veränderung das Stichwort. Das liege aber nicht per se an seinem Führungsstil, auch wenn Abwechslung ihm die meiste Freude an der Arbeit bereitet. Das Tempo am Markt habe sich in diesen Jahren beschleunigt, gleichzeitig seien die Anforderungen durch Regulierungen gestiegen. ,,Ein ,Das haben wir immer schon so gemacht‘ kann ich nicht gelten lassen, denn das kann ich zur Behörde auch nicht sagen. Schnelligkeit mit Qualität zu verbinden ist unsere Herausforderung. Ich freue mich, wenn Kunden überrascht sind, weil wir so rasch zurückrufen, und die Kompetenz meiner Mitarbeiter loben.“ Kurze Wege durch regionale Schlagkraft und ein engagiertes Team, bei dem alle an einem Strang ziehen, machen es möglich. „Denn trotz der Größe der Herba sind wir so etwas wie ein Familienbetrieb. Das ist sinnstiftend, die Mitarbeiter haben das Gefühl, in einer globalisierten Welt als Menschen wahrgenommen zu werden.“

Erdiges Mühlviertel

Mit Mitte vierzig befindet sich der zweifache Familienvater in einer Lebensphase, wo er zur Ruhe kommt. Mit seiner Frau, die in Teilzeit arbeitet und ihm beruflich den Rücken freihält, hat er ein Haus gebaut – parallel zu den neuen Aufgaben im Beruf war das anstrengend. Nun hat er wieder Zeit, den Ausgleich im Sport zu suchen. Einmal in der Woche Squash ist „für einen kopflastigen Menschen wie mich genau das Richtige. Denn da musst du dich so konzentrieren, dass du in fünf Minuten in einer ganz anderen Welt bist.“ Die Geschwindigkeit dieser Ballsportart liegt ihm. Aus sportmedizinischer Sicht ist es aber nicht sinnvoll, immer „auf Vollgas zu fahren“, den Puls also ständig in den oberen Bereich zu treiben. Weil Thurner seine Fitness vorantreiben und es genau wissen wollte, machte er einen Leistungstest. Die Erkenntnis daraus: auch im niedrigeren Pulsbereich trainieren.

Daher sportelt er nun mindestens zweimal pro Woche auch auf dem Rad, inspiriert durch den Bewegungsdrang seiner Kinder – denen seine Zeit am Wochenende gehört – und die kontemplative Landschaft seiner neuen Heimat Feldkirchen an der Donau. „Dieser Fluss der Gedanken, der sich dann einstellt und wo man neue Sichtweisen entwickelt, das kannte ich früher nur vom Hörensagen. Da darf es ruhig auch um die Arbeit gehen, es ist trotzdem Teil der Entspannung.“ Die Pulsfrequenz gibt ihm seine Fitness-App vor, gemessen wird sie von der Smartwatch, die er nicht nur trägt, wenn er am Fahrrad sitzt. Sie misst die Zahl seiner Schritte den ganzen Tag über. Der Trend zur Selbstoptimierung mittels technischer Hilfsmittel kommt für Thurner also gerade recht. „Ich sehe, was ich geleistet habe. Es hat auch eine spielerische Komponente, das motiviert.“ Das Mühlviertel, wo er erst seit Kurzem wohnt, empfindet er als „unglaublich erdig und bodenständig“, und das tut ihm gut. Zu seinem persönlichen Wachstum hat auch das Führungskräftetraining der Herba beigetragen, das er gemeinsam mit seinen Kollegen absolviert hat. „Das war ein tolles Angebot, für das ich der Herba dankbar bin. Ich habe erkannt, dass ich oft hohe Ansprüche an mich selber stelle. Weniger manchmal mehr sein zu lassen, daran arbeite ich.“ Ein, zwei Mal im Jahr nimmt er sich eine Auszeit und besucht mit Freunden ein Musikfestival. Ist Thurner ein Protagonist der „Downaging“-Generation, wenn er mit 45 noch auf Rockkonzerte geht? Er schmunzelt. „Als mein Vater in diesem Alter war, wäre das undenkbar gewesen.“


Autor: et
Fotos: © Reinhard Winkler